Interview German December 2014

interviewDEDecembre2014

Er ist seit 20 Jahren der Mann hinter den Soundtracks aller Prada-Schauen, beglückwünschte schon Calvin KLEIN und Helmut LANG nach ihren Shows mit Küsschen, dieses Jahr hat ihn dann auch noch die sagenumwobene Comme des Garçon-Chefin Rei KAWAKUBO ins Boot geholt. Will sagen: Der französische Produzent FREDERIC SANCHEZ wird immer dann von Designern gerufen, wenn die Musik bei Modenschauen auf gar keinen Fall Mainstream sein soll. Ein Besuch in seinemPariser Studio.

INTERVIEW: Herr Sanchez, wie viele bpm braucht man für einen sexy Walk auf dem Runway?

FREDERIC SANCHEZ: Keinen einzigen Beat. Eine Show kann auch ganz ohne Musik sexy sein. Stellen Sie sich vor: absolute Stilleund dann plötzlich das Klackern von HighHeels. Sinnlich, oder? Nur weil die Musik sexy ist, muss die Show ja nicht automatisch sexy sein. So etwas ist mir zu offensichtlich.

INTERVIEW: Sie sprechen aus Erfahrung?

SANCHEZ: Ja. Bei einer meiner ersten Schauen für Margiela – Martin war noch selbst Herr in seiner eigenen Maison- habeich komplett auf Musik verzichtet. Die Leute sprechen mich heute noch darauf an underzählen, wie bewegend sie es fanden. Man konnte sich ganz auf die Mode konzentrieren. Oder auch bei einer Miu-Miu-Show vorein paar Jahren. Da habe ich einfach Dialoge aus alten Filmen zusarnmenmontiert. Deutsche,französische, italienische. Ganz ohne Rhythmus, ohne Beat. Das war sehr erotisch.

INTERVIEW: Für Marc Jacobs haben Sie mal mehrere Versionen von Somewhere Over the Rainbow in Endlosschleife gemischt, für Helmut Lang einen Song aus original Louise-Bourgeois-Zitaten produziert. Wiekommen Sie auf solche Ideen?

SANCHEZ: Es ist bizarr. Ich schaue eigentlichnicht auf die Mode, sondern immer auf die Moodboards der Designer, ihre Ideen sammlung für eine Kollektion. Ich versuche, eine bestimmte Stimmung in einen Sound zu übersetzen, ein Bild zu kreieren. Häufig lasse ich mich von der Stimmung eines Films inspirieren. Da hat man sofort ein konkretes Bild im Kopf. Von der Temperatur ausgehend wähle ich dann die Musik aus.

INTERVIEW: In welchem Film spielt der kommende Prada-Sommer die Hauptrolle?

SANCHEZ: In einem psychedelischen Sixties-Streifen. Etwa im Stil von Joseph Loseys Boom mit Elizabeth Taylor und Richard Burton oder auch Michelangelo Antonionis Zabriskie Point. Die Stimmung sollteschräg, surreal und düster sein. Miuccia und mir ist gerade sehr nach schwarzer Magie. Als wir im Frühjahr zusammensaßen, um die Musik für ihre Männerschau zu besprechen, kramte ich ein Stück von Funkadelic hervor, Maggot Brain. Aber die Coverversion der britisch-amerikanischen Rockband PsychicTV: Es war genau die richtige Atmosphäre: psychedelischer Rock. Miuccia sprang auch sofort darauf an und sagte, das Stück solleich auf jeden Fall im Hinterkopf behaltenfür die Frauenschau. Sie wollte mit dem Sound ihre Womenswear-Kollektion entwickeln. Ich habe dann nur 20 Sekunden daraus genommen – als Teaser am Ende der Männershow.

INTERVIEW: Und dann hat Frau Prada alles umgeworfen?

SANCHEZ: Das passiert manchmal durchaus. Aber nein, hier war es nicht so. ImSpätsommer haben wir uns in ihrem Büro wieder getroffen, um die Frauenschau zu besprechen. Ich hatte den Song längst vergessen. Wir diskutierten eine Weile über meine Vorschläge, dass es punkiger sein sollte, ein bisschen mehr Metal. Aus dem Nichts fragte sie: « Was ist eigentlich mit Maggot Brainpassiert? Lassen Sie uns den Song noch malhören. » Und da war plötzlich wieder klar, dass die Musik alles hatte, wonach wir suchten. Punk, Metal, Rock. Dieses Psychedelische. Ich glaube, so schnell war ich noch nie zuvor aus ihrem Büro raus.

INTERVIEW: Als Sie ihr letzten Sommer Britney Spears vorschlugen, war es eine längere Sitzung?

SANCHEZ: Nein, nein, überhaupt nicht. Britneys Work B**ch! wurde gerade veröffentlicht, als wir an dem Soundtrack für die Sommerkollektion 2014 arbeiteten. Ich hatte die Idee, den Track mit indianischen Sounds zu mischen. Das hat ihr sehr gut gefallen. Sie hat keine Berührungsängstemit Pop-Phänomenen. Sie hat aber auch keine Angst vor Schubert oder Wagner. Privat hört sie lieber klassische Musik. Siegeht häufig in die Oper oder ins Ballett. Die Tänzerin Pina Bausch war immer eine große Inspiration für sie.

INTERVIEW: Blutrote Lack-Capes mit gequilteten Oversize-Kapuzen von Comme des Garçons oder schokobraune Seventies Ledermäntel mit Gänseblümchen bemalt von Martin Margiela im Sommer 2015: Gefallt Ihnen eigentlich die Mode Ihrer Auftraggeber?

SANCHEZ: Nun ja, Prada oder Margielaent sprechen eher meinem persönlichen Geschmack als Comme des Garçons. Dafür muss man jünger sein. Ich mag es eher konservativ. Aber zu den Kollektionen habe ich ehrlich gesagt keine Meinung. Ich habe mich nie groß für Mode interessiert. Als ich 15, 16 war, drehte sich bei mir alles um Musikund zeitgenössischen Tanz. Aber Mode? Damit bin ich das erste Mal ernsthaft in Kontakt gekommen, als ich ein Look-Book von Yohji Yamamoto in den Händen hielt. Es war von dem britischen Grafikdesigner Peter Saville gestaltet, der damals die LP-Cover von den angesagtesten Bandsentworfen hatte: OMD, Joy Division oder New Order. Mein Interesse für Mode kam also von der Musik. Aber erst als ich Martin Margiela begegnete, lernte ich das Modebusiness richtig kennen.

INTERVIEW: Erzählen Sie.

SANCHEZ: Eine gemeinsame Freundin stellte uns einander vor. Das war Ende der 80er-Jahre. Ich hatte damals keinen Plan, was ich machen sollte. Ich arbeitete kurz am Theater, dann in einem Pressebüro, später hatte ich einen eigenen Plattenladen. In Clubs aufgelegt habe ich nie. Martin hatte gerade bei Gaultier aufgehört und sein eigenes Label gegründet. Die Antwerp Six und Japaner wie Yohji und Rei Kawakuba waren gerade dabei, die Modewelt zu verändern. Bisher hatten Designer wie Claude Montana, Thierry Mugler oder Christian Lacroix ihre Kollektionen als konventionelle Modenschauen präsentiert. Die junge Generation grenzte sich klar davon ab. Martin war besonders radikal. Wir trafen uns das erste Mal bei einem Abendessen, und er erzählte mir, wie er seine erste Show aufziehen wollte,und fragte mich, ob ich die Musik dazumachen wolle. Ich sagte zu.

INTERVIEW: Wie ging es dann weiter?

SANCHEZ: Die Show fand wenig späterin einem kleinen Theater statt, Cafe de la Gare. Es gab keinen Runway im klassischen Sinne. Auf dem Boden waren Bahnen ausweißem Teppich ausgelegt. Wir installierten im Backstagebereich überall Mikrofone unds pielten die Geräusche in den Theatersaal ein, während die Gäste dort eintrafen. Es warmehr ein Happening als eine Modenschau. Die Inspiration für den Soundtrack waren Warhol-Filme und die Werke des deutschen Regisseurs Werner Schroeter. Eine 20-Minuten-Collage, bei der man hört, wie die Nadel auf den Platten abgesetzt und angehoben wird. Martin zeigte diese merkwürdigen Zehenschuhe, die aussehen, als stammten sie von einem Paarhufer.

INTERVIEW: Seine Tabi Shoes.

SANCHEZ: Ja, genau. Jedenfalls hat er sie in rote Farbe getaucht, und dann waren überall diese Abdrücke auf dem weißen Teppich- wie ein Leopardenmuster. Das warvollkommen neu. Mir war klar: Das will ich ab sofort hauptberuflich machen.

INTERVIEW: 2009 verließ MargielaMargiela. Was war Ihre traurigste ModeTrennung?

SANCHEZ: Immer wenn ein Designer seine Karriere beendet hat, egal ob eben Martin Margiela, Jil Sander oder Helmut Lang. SeinA bgang hat mich übrigens besonders betroffen gemacht. Er war ein genialer Designer und sehr offen für abseitige Ideen. Wir haben viele tolle Shows gemeinsam produziert. Einmal haben wir Telefonmitschnitte von Konversationen auf Sex-Hotlines gesampelt, wie sich die Leute dort einander vorstellen. « Hallo, mein Name ist Hamish. Ich suchenach großen, gut gebauten Typen. » Wir habenalle möglichen Namen von den Gästenaus der Front-Row gewählt und dann bei derShow immer mal wieder eingespielt. Das warirre lustig.

INTERVIEW: Sind die Runways 2014 nochi immer so experimentierfreudig?

SANCHEZ: Bedauerlicherweise nein. Ichglaube, irgendwann Mitte der 90er-Jahrefingen Designerlabels plötzlich an, Modemarketing zu betreiben. Nach den Antwerp Six und der Idee der Dekonstruktion wurde die Mode minimal. Jil Sander hat diesen Stil wie keine andere geprägt. Oder auch so jemand wie Calvin Klein. Mode war auf einmal kommerziell, eine Massenware wie jede andere. In gewisser Weise sehr kalt unddistanziert. Ich mochte diese Kälte. Ich habedas damals mit dem minimalen ElektroSoundvon Kraftwerk betont. Ich fand diese Entwicklung sehr interessant. Nur wurde Marketing dann irgendwann zu sehr zur Realität. Aber das ist ja nicht nur in der Mode so. Auch in der Kunst. Unsere Städte haben sich zu riesigen Shopping-Malls entwickelt. Überall sieht es gleich aus. Egal, ob London, Paris oder Berlin. Ich wohne in zwischen zwei Stunden von Paris entfernt, in einem kleinen Ort in der Normandie. Da ist es authentischer.

INTERVIEW: Ihre Kollegen nennen sich heute nicht mehr DJs, sondern Soundstilisten. Einverstanden?

SANCHEZ: Furchtbar. Ich sage jedenfalls immer, dass ich Musiker bin. Als ich in den 80er-Jahren damit anfing, Musik für Modenschauen zu entwerfen, gab es noch keine Bezeichnung dafür. Die Leute fragten mich: « Wie sollen wir dich nennen? DJ? Musiker? » Ich antwortete: « Soundillustrator. » So nanntensich damals Künstler, die fürs Radio Musikfeatures produzierten. Kein anderer außer mir nannte sich so. Das gefiel mir. Heute produziere ich neben den Shows auch Musik für Galerien und Installationen. Ganz eigene Stücke. Ich finde, da passt Musiker besser.

INTERVIEW: Wie groß ist Ihre Musiksammlung?

SANCHEZ: Ich habe rund 50000 Schallplatten. Aber heute nutze ich fast nur noch Festplatten. Keine Ahnung, wie viele es sind. Ich habe aufgehört zu zählen. Es werdenstündlich mehr. Ich habe noch nie etwas gelöscht.

INTERVIEW: Ihr persönlicher Rekord an zusammengemixten Musiktiteln bei einem Soundtrack?

SANCHEZ: 20 Minuten, 100 verschiedene Samples, Margiela 1993. Ich habe den Applaus von allen möglichen Konzerten zusammengeschnitten-von Elektro bis Klassik. Diese Samples habe ich dann wie ein crescendo arrangiert. Es war sehr experimentell. Irgendwann wusste man nicht mehr, istdas jetzt Klatschen oder Regen?

INTERVIEW: Wo finden Sie neue Musik?

SANCHEZ: Ich recherchiere viel in Büchern über Musik oder lasse mich von Filmen inspirieren. Blogs interessieren mich nicht.

INTERVIEW: Welchen Bandnamen müssen wir uns 2014 unbedingt merken?

SANCHEZ: Ich bin superbegeistert von derSunn-0)))-Kollaboration mit Scott Walker. Ihr Album Soused hat mich wirklich ergriffen. Klingt nach: Heavy Meta! trifft Oper. Man hört 50 Minuten lang einen trommelnden, beinahe monotonen Gitarren-Sound und einen opernhaften Gesang. Sehr mönchisch. Einen Auszug davon habe ich für die vergangene Comme-des-Garçons-Show benutzt. Ich höre so etwas aber auch privat.

INTERVIEW: Zu welchen Gelegenheiten hören Sie Musik?

SANCHEZ: Niemals als Hintergrundgeräusch. Das kann ich nicht leiden. Ich höre sehr bewusst. Wenn ich Gäste für ein Dinner habe, genieße ich den Sound, den sie produzieren.

INTERVIEW: Wo ist Musik unpassend?

SANCHEZ: In Schwimmbädern.

INTERVIEW: Das kam aber schnell.

SANCHEZ: Weil ich es gerade erst erlebt habe. Es war schrecklich. Während ich meine Bahnen zog, dröhnte aus den Lautsprecherndie ganze Zeit Daft Punk.

INTERVIEW: Etwa One More Time, zum Anfeuern?

SANCHEZ: Nein, nein. Viel schlimmer.Get Lucky mit Pharrell Williams. Die Musik macht dort überhaupt keinen Sinn – es istein wunderschönes Schwimmbad aus den 3Oer-Jahren. Sie spielen dieses Lied dort, seit es veröffentlicht wurde. Ich glaube, ich sollte damit bald mal was machen.

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